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Die islamische Welt hält uns den Spiegel vor

In Teheran (Iran) ist eine Ausstellung mit Holocaust-Karikaturen eröffnet worden. Die Veranstalter wollen sie als Antwort auf die Mohammed-Karikaturen verstanden wissen, die im Herbst letzten Jahres in der dänischen Zeitung „Jyllands Posten“ erschienen sind und viele Moslems in ihren religiösen Gefühlen verletzt haben. Mit der Bemerkung, man wolle damit „herausfinden, wo für den Westen die Meinungsfreiheit endet“, hält uns der Direktor des iranischen Karikaturistenverbandes, Masud Shojai, den Spiegel vor und zeigt uns, dass auch unsere Welt und Werte nicht frei von Einschränkungen und Widersprüchen ist.


Unsere Pressefreiheit halten wir für ein hohes Gut. Allerdings nicht ohne Ausnahmen: geht es um rassistische Äusserungen oder um Zweifel am Holocaust, machen wir eine Ausnahme mit unserer Freiheit. Nur, um nicht falsch verstanden zu werden: ich will diese Ausnahmen überhaupt nicht in Frage stellen, schon gar nicht den Holocaust anzweifeln! Das Beispiel zeigt uns aber, dass unsere oft unverrückbar geglaubten Werte eben nicht unverrückbar und in Stein gemeisselt sind, sondern diskutiert und hin und wieder neu ausgelegt werden müssen.

Die Ausstellung, die derzeit im Iran stattfindet und unter anderem Bilder zeigt, die den Holocaust anzweifeln oder verhöhnen ist zweifelsfrei kein konstruktiver Beitrag zu dieser Diskussion. Fakt ist aber in meinen Augen ebenso, dass es für einen Kulturkreis, der seine Werte als den Standard verstanden wissen will, an dem sich andere zu messen haben, nicht klever war, Karikaturen zu veröffentlichen, die die religiösen Gefühle einer ganzen Glaubensgemeinschaft verletzen mussten. Da bringt uns auch das Beharren auf der Pressefreiheit nicht weiter.

Die arabisch-islamische Welt hat nun einmal völlig andere Werte, als unsere christlich-abendländische und mit ihrem Erwachen zu neuem Selbstbewusstsein, scheut sie auch den Konflikt mit dem Westen nicht, um die eigenen Werte zu testen und uns zeitweise den Spiegel vorzuhalten.

In diesem Zusammenhang kommt mir eine islamische Frau in den Sinn, die neulich, auf die unterschiedlichen Werte angesprochen, im Radio sagte:
„Ihr spült eure Kinder die Toilette runter und werft uns dann vor, dass wir uns hier vermehren – was sind das für Werte, die ihr uns da vorlebt?“
Auch dies mag eine überzeichnete Darstellung der Dinge sein. Die zunehmende Verbreitung des Islam und die zunehmende Zahl von Konvertierenden zeigen uns aber, dass auch unsere junge Generation offenbar immer häufiger unsere Gesellschaftsform und unser Wertesystem in Frage stellt. Eine sich immer stärker individualisierende Gesellschaft, die immer egoistischer wird und in der inzwischen fast jede zweite Ehe wieder geschieden wird, derweil wir über das Problem der Vereinsamung debattieren und anstatt die Familie als Institution zu stärken neue Kindertagesstätten fordern, damit möglichst Vater und Mutter vollzeit arbeiten können und sich somit weder um sich noch um die Kinder kümmern müssen.

Wir sollten zur Kenntnis nehmen, dass in unserer Gesellschaft auch Menschen leben, die sich in dieser Gesellschaft, in der die Wärme und Geborgenheit der Familie droht, verloren zu gehen, nicht mehr wohl fühlen. Uns fehlt eine Vision, wie unsere Gesellschaft der Zukunft aussehen soll. Wir sollten ein neues, modernes Bild der Familie entwerfen und dabei anderen Modellen nicht mit Verachtung begegnen und die unterschiedlichen Werte nicht zum „Kampf der Kulturen“ hochstilisieren. Das Beispiel zeigt, dass gerade das hier im Westen oft verspottete und als altmodisch verschriene Bild der Frau und der Familie, das der Islam propagiert, offenbar gewisse Kreise aus unserer Kultur anzieht.

Der Islam hält uns den Spiegel vor und fordert uns heraus. Nehmen wir die Herausforderung an und begegnen wir ihr gemäss unseren Traditionen offen und souverän; schliesslich haben wir allen Grund auf unsere Werte und unsere Errungenschaften stolz zu sein. Aber verlieren wir dabei nicht die Fähigkeit, uns selbst kritisch zu hinterfragen, und unheilvollen Entwicklungen entgegenzutreten. Denn sonst kommt es wirklich noch zum Kampf der Kulturen, den einige offenbar suchen.

Links zum Thema
Iranian Cartoons on the web
Holocaust-Karikaturen ausgestellt (NZZ)

Kommentare (3)

gurke:

Interessante Geschichte!
Als ich von dieser Ausstellung gelesen habe, ging mir als erstes durch den Kopf: "Früher oder später schaffen wir (die Menschheit) es, den dritten Weltkrieg aufgrund von Comics/Karrikaturen/... anzuzetteln".
Den Artikel in sich finde ich etwas inkonsistent - von der grossen Bühne der internationalen Politik und der Weltreligionen schweift er doch ziemlich schnell ab in unsere westlichen Wertvorstellungen mit der Familie im Zentrum. Gewollt?

Ja, bewusst, denn genau diese unterschiedlichen Wertvorstellungen waren es doch, die zum Konflikt auf der internationalen Polit-Bühne führten und die Religion ist mit diesen Wertvorstellungen - in der islamischen Welt wohl noch stärker als im Okzident - eben auch sehr eng verknüpft. Alles hängt zusammen; meines Erachtens kann man das nicht trennen, wenngleich ich zugeben muss, dass (z.B. vom iranischen Präsidenten Ahmadinejad) die unterschiedliche Kultur/Religion manchmal auch als Vorwand missbraucht wird, um gezielt den Konflikt mit dem Westen zu suchen.

Adrian Wettstein:

Ich finde es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen den Islam- und den Holocaust-Karikaturen: Der Holocaust ist eine nicht abstreitbare Tatsache, Mohammed als Prophet dagegen Glaubenssache. Hier liegt für mich der klare Unterschied weshalb im Falle der Islam-Karikaturen die Pressefreiheit zum Tragen kommt (und kommen muss), dagegen beim Holocaust (wie bspw. auch bei Pädophilie) nicht. Und wenn Du gerade im letzten Abschnitt den Stolz auf unsere Errungen schaften und Werte ansprichst, dann ist es eben jene Säkularisierung, die uns ein entspannteres Verhältnis zum Religiösen erlaubt, die es zu verteidigen gilt. Auch dies ist eine Herausforderung, die der Islam an uns stellt.

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Diese Seite enthält einen einzelnen am 16.08.06 15:07 erschienenen Blogeintrag.

Zuvor erschien in diesem Blog Krieg im Nahen Osten: Alles eine Frage der Macht.

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